Ingrids persönliche Erklärung zur Laufzeitverlängerung
"Werte Kolleginnen und Kollegen!
Ich werde gegen die Laufzeitverlängerungen stimmen. Ich möchte in diesem Zusammenhang einen Punkt aus meiner Heimat Schleswig-Holstein zur Sprache bringen.
Trotz meiner persönlichen Bemühungen in den letzten Tagen und Wochen bestehen Sie darauf, auch das AKW Brunsbüttel mit einer Laufzeitverlängerung von acht Jahren auszustatten.
(Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Unglaublich!)
Das AKW Brunsbüttel, das sich in meiner Heimat befindet, ist nur deshalb heute noch nicht im Rückbau, weil es dort mehrere schwerwiegende Pannen gab, die dazu geführt haben, dass es jahrelang vom Netz genommen war; sonst wäre das AKW Brunsbüttel schon heute im Rückbau.
Ich denke, diese Pannen, die Leib und Leben der Bevölkerung vor Ort gefährden, sind kein Grund, den Kernkraftwerksbetreibern zu sagen: Ihr bekommt ein Geschenk in Form einer Laufzeitverlängerung um acht Jahre obendrauf; wir betreiben diesen Reaktor weiter.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
Ich will in der gebotenen Kürze nur von einer einzigen Panne berichten.
2001 kam es im AKW Brunsbüttel zu einer Knallgasexplosion. In direkter Nachbarschaft zum Reaktordruckbehälter wurden drei Meter Rohrleitung vollkommen zerfetzt. Ein einziges Ventil, das stark gestaucht wurde, war noch dazwischen. Es hat verhindert, dass massiv Radioaktivität ausgetreten ist. Obwohl viele Instrumente angeschlagen und gezeigt haben, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, ließen die Betreiber das AKW Brunsbüttel zwei Monate weiterlaufen. Die Strompreise waren damals relativ hoch; deshalb wollte man das AKW nicht vom Netz nehmen. Es hieß, das sei ein spontaner Druckabfall gewesen, der nicht so schlimm gewesen sei.
Erst zwei Monate später wurde bei einer Routineuntersuchung entdeckt, was passiert war. Nach und nach mussten die Betreiber zugeben, dass sie, als einige Instrumente anschlugen, vielleicht doch hätten misstrauisch werden und das AKW vom Netz nehmen sollen.
Nur aufgrund solcher Pannen ist das AKW Brunsbüttel heute noch nicht im Rückbau begriffen. Nur aufgrund solcher Pannen können Sie überhaupt eine Laufzeitverlängerung des AKW Brunsbüttel vornehmen. Nur aufgrund solcher Pannen bekommt der Betreiber des AKW Brunsbüttel für seine Verantwortungslosigkeit eine Laufzeitverlängerung von acht Jahren geschenkt, und das, obwohl das AKW Brunsbüttel nichts mit dem Thema Versorgungssicherheit zu tun hat.
Zum Thema Versorgungssicherheit möchte ich in der Kürze der Zeit nur ein Beispiel nennen.
Sie haben heute mehrmals Ihrer Sorge Ausdruck verliehen, wie schwierig es wird, den notwendigen Netzausbau hinzubekommen. Das AKW Brunsbüttel liegt in einer Region, in der sich Offshoreanlagen befinden. Durch die Leitungen fließt aber schon heute jede Menge Onshorewindenergie. Wenn das AKW Brunsbüttel wieder ans Netz ginge, müssten die Leitungen massiv ausgebaut werden. Denn durch die Leitungen, durch die früher der Atomstrom des AKW Brunsbüttel floss, fließt heute längst Windstrom.
Das AKW Brunsbüttel wieder ans Netz zu lassen, dient weder Ihrem Gesamtkonzept noch der Versorgungssicherheit. Ganz im Gegenteil: Ein großer Stromausfall in Hamburg, bedingt durch Pannen im AKW Brunsbüttel, ist keine Seltenheit.
Ich erkenne an, dass Sie in der Atomfrage zum Teil eine andere Meinung haben als ich. Man mag sich in der Atomfrage verhalten, wie man will:
Brunsbüttel wieder ans Netz zu lassen, ist der helle Wahnsinn.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
Grüne in Schleswig-Holstein

